Rezension des Buches: Constance Ohms: Gewalt gegen Lesben

Constance Ohms hat 1998/1999 eine Studie zu Gewalt gegen Lesben durchgeführt, deren Ergebnisse in dem Buch "Gewalt gegen Lesben", erschienen im Februar 2000 im Querverlag, veröffentlicht wurden. Ausgangspunkt ihrer Herangehensweise bildet ein weit gefasster Gewaltbegriff, der sowohl strukturelle als auch interpersonale Gewalt umfasst. Ihr ist es wichtig, Gewalt nicht nur als eine Handlung zwischen zwei oder mehreren Menschen aufzufassen, sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse in die Bewertung einzubeziehen. Gewalt dort zu greifen, wo keine Täter vorhanden sind, ist ein schwieriges Unterfangen. Doch das war offensichtlich auch nicht ihr eigentliches Ziel.

In ihrer Einführung geht sie auf verschiedene Aspekte der Gewaltdiskussion ein, so zum Beispiel die Diskussion um sogenannte Hassverbrechen. Die Auseinandersetzung um Sexismus, Homosexuellenfeindlichkeit oder Rassismus als Hassverbrechen existiert in Deutschland seit Beginn der 90er Jahre und traf auf keinen fruchtbaren Boden, sondern wurde im Keim erstickt. Das führte dazu, dass die Diskussion um die Sinnhaftigkeit struktureller Gewalt sehr schnell abgebügelt wurde mit Argumenten wie, sie sei juristisch nicht greifbar oder führe zu einer Verwässerung des Gewaltbegriffs. Beide Argumente haben ihre Berechtigung wenn es um die juristische Umsetzbarkeit geht. Anderseits macht dieser Ausgangspunkt Formen von Gewalt sichtbar, die gerade für die Lebenssituation von Lesben ein wichtige Rolle spielen. So kann ein gesellschaftliches Klima von Homosexuellenfeindlichkeit Einfluss auf die Identitätsbildung von Lesben haben. Einige Lesben überlegen sich auch im Vorfeld, ohne dass sie bereits Gewalt erlebt haben, wie sie der Möglichkeit einer gewalttätigen Erfahrung aus dem Weg gehen können, d.h. sie passen ihr Verhalten im Vorfeld einer nicht gegebenen, aber möglichen Gewalterfahrung an. Die von Ohms vertretene weiter Auffassung des Gewaltbegriffs ermöglicht ihr so, nicht alleine die Opferhilfe in den Fordergrund zu stellen, sondern eine umfassende Gesellschaftskritik zu leisten.

In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse der Studie zu sehen, die den wesentlichen Teil des Buches ausmachen. Entgegen sonst üblichen Verfahrensweisen gewährt C. Ohms einen Einblick in ihre Arbeitsweise und damit verbunden eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Statistiken und Zahlen. Das macht sie auf der einen Seite angreifbar, auf der anderen Seite verdient es den größten Respekt. Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze: Lesben erleben viermal so häufig psychische Gewalt und doppelt so häufig sexualisierte Gewalt wie körperliche Gewalt. Die Betroffenen wissen sehr genau zu unterscheiden, ob sie als Frauen oder als Lesben angegriffen worden sind. Oftmals erhalten sie deutliche Hinweise durch den Täter. Frauenfeindliche Gewalt gehört ebenso zum Alltag von Lesben wie lesbenfeindliche Gewalt, wobei erstere fast doppelt so häufig auftritt. Wie viele Lesben letztlich von lesbenfeindlicher Gewalt betroffen sind, lässt sich wissenschaftlich nicht darstellen, da nicht klar ist, wie viele Lesben es eigentlich gibt. Ohms geht hier den sinnvollen Weg, mit relativen Zahlen zu arbeiten.

Das Buch ist nicht nur für Lesben und andere Frauen geeignet, die gerne mit Zahlen umgehen. Constance Ohms greift auch Bereich auf, die von der Studie nicht erfasst werden konnten, so die Gewalt gegen Minderheiten in der Minderheit, zum Beispiel behinderte Lesben, oder Gewalt in lesbischen Beziehungen. Auf diesem Gebiet hat es seit ihrer ersten Veröffentlichung 1993 kaum Bewegung gegeben. Zu wünschen wäre, dass Ohms dieses Thema in ihrer zukünftigen Arbeit wieder verstärkt aufgreift.

Summa summarum ein wichtiges Buch, das zum richtigen Zeitpunkt erschienen ist. Gewalt gegen Lesben rückt ins Licht der Öffentlichkeit, dieses Buch hat seinen Teil dazu beigetragen. Auch bietet es viele Anlässe für Diskussionen, zum Beispiel um die verwendete Gewaltdefinition, die sehr selten unter dem Aspekt von Lesbenfeindlichkeit geführt wurde.

© 2000 Bellalinda Pawlic

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