bestellen... Maren Brandenburger - Unter dem einstürzenden KartenhausNovember 2009, Taschenbuch: 228 Seiten, Verlag: meread, ISBN-13: 978-0956297808.

Ihre Welt fühlt sich an wie ein Kartenhaus, das beim nächsten Windhauch in sich zusammenblättert. Ihre Ehe mit René implodiert allmählich, die trügerische Sicherheit der ehelichen Normalität empfindet sie mehr und mehr als bedrohlich.

Kann Sicherheit bedrohlich sein? Was ist das schon, das Glück? Ist es Glück, wenn nichts Furchtbares geschieht? Wenn das Leben gleichmäßig belanglos verläuft, ohne nennenswerte Aufgeregtheiten. Aber nicht wirklich unglücklich zu sein, bedeutet noch lange nicht, glücklich zu sein! Was für ein Widersinn darin liegt, dass René vor lauter Ergriffenheit in seinem Kinosessel in sich zusammensinkt, während sie selbst die dramatischen Liebesszenen auf der Leinwand zwischen „Barbie und Ken“ abstoßend findet. Deren Küsse berühren sie nicht! Deren wüstes Treiben empfindet sie als Widerspruch!


Je mehr ihre Sehnsucht nach einer Frau ihr die Luft zum Atmen nimmt, desto mehr ist sie bereit, diese heile und nicht hinterfragte Welt aufs Spiel zu setzen. Scheinbar ziellos schmachtet sie den Frauen ihrer Umgebung hinterher. Da ist zunächst die begehrte Hannah, an der sie sich emotional den Hals bricht, weil das Schmachten sich in veritables körperliches Begehren auswächst. Kaum ist Hannah verschwunden, bildet die schöne „Aussichtslose“ die Schablone für ihr richtungsloses Begehren. Die „Aussichtslose“ aber spielt mit dieser Zuneigung und zieht sich im entscheidenden Moment in ihr sicheres Bürgerdasein zurück, innerhalb dessen ein solches Begehren allenfalls ein Experimentierfeld sein kann. Zum Objekt einsamer Phantasien wird auch die „Gestiefelte“, die dunkelhaarige Fremde, die mit ihren zum Hinschlagen erotischen Stiefeln ihre Waldspaziergänge durchkreuzt. Unausgesprochen, uneingestanden quält sie sich also weiter mit ihrer Sehnsucht nach einer Frau.

Dieses Begehren allein nur auszusprechen, erscheint ihr unmöglich. Das böse Wort mit „L“. Still und heimlich begehrt sie so vor sich hin und erlebt währenddessen ihre Ehe Tag für Tag, Nacht für Nacht als immer widersinniger und demütigender. Den Sex erlebt sie als belanglos und widersinnig: „Er ist so zärtlich, aber all seine Zärtlichkeit ist vergebens. Ich gehöre hier nicht hinein in dieses Spiel. Ich gehöre nicht in seine Umarmungen, nicht an seinen fremden, erregten Körper. Ich gehöre nicht in dieses Bett. Es ist so demütigend. Ich wende mein Gesicht zur Seite, damit er meine unterdrückten Tränen nicht sieht. Ein Kuss würde mich umbringen in solchen Augenblicken.“

In grotesken Gefühlswirrnissen wirft sie sich einer absonderlichen Freiheit entgegen. Als hätte das lange Schmachten sie schon beinahe um den Verstand gebracht. Kopflos stürzt sie sich in ein anonymes Abenteuer mit Marla, der „virtuellen Geliebten“, die sie über das Internet gefunden hat. Zunächst nur über die Tastatur, dann aber höchst lebendig, toben die beiden ihre über Jahre verschüttete Leidenschaft aneinander aus. Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste und ohne einen Gedanken an mögliche Konsequenzen erlebt sie mit Marla Lust und Leidenschaft. Kopflos genießt sie die Abgründe, von denen sie gar nicht wusste, dass es sie gibt. Dass zum Sex auch wüste Leidenschaft gehört! Sie erlebt dieses Treiben wie ein Pulverfass, das versehentlich in die Luft gesprengt wurde. Im Verborgenen. In schummerigen Seitenstraßen, in kalten Treppenaufgängen, in einer zum Liebesnest verwandelten Hütte im Harz: „Marla reißt mit der Welle der Erregung, die ihr Kuss in mir auslöst, den blässlichen Schleier weg, als wüsste sie, was dahinter verborgen liegt. Ihre Lippen öffnen die meinen, weichen zurück, kehren wieder, als sie merkt, dass ich mich ihr entgegenstrecke. Marla lässt ihre Lippen reglos, aber pulsierend qualvolle Sekunden auf meinen Lippen zögern, als genieße sie mein Zittern, um dann mit der ganzen aufgestauten Energie der auch bei ihr verschütteten Jahre dem Kuss wieder freien Lauf zu lassen.“

Zu der waghalsigen Freiheit gehört es aber auch, die Affäre kurzerhand zu beenden. Kurz und Knapp. Wie ein folgerichtiger Schritt in ihre Richtung. Auch von dem jungen Fevos, den sie während ihres Urlaubes auf der gleißenden Insel kurzerhand verführt, einfach nur so, weil ihr danach ist, verabschiedet sie sich kurz und knapp. Aber in dem rumorenden Entschluss, das Kartenhaus endgültig zum Einsturz zu bringen. „Und heute, danach, frage ich mich, habe ich Fevos ausgesucht, weil es schließlich unmöglich gewesen wäre, die hübsche Kellnerin aus der Strandbar mit zu mir zu nehmen und sie bei offener Terrassentür und zirpenden Grillen zu verführen? Weil deren grimmige Brüder mich vermutlich anschließend erschossen hätten? Vermutlich. Ich hatte also Sex mit Fevos, weil ich es so wollte.“ Unter ihrem eingestürzten Kartenhaus findet sie aber nicht nur die ersehnte Freiheit, sondern auch das blasse Unverständnis ihrer Umgebung. Sie erfährt, wie es sich anfühlt, angefeindet zu werden. Blind stellt sie sich der Welt der Spötter, bis die schöne, geheimnisvolle Val sie in eine aufregende, tiefe Affäre entführt. Wüst, wild und unkontrolliert verliebt sie sich in Val, die „Siegesgewisse“, in deren fest strukturiertem Leben hier und da kleine Verhältnisse zum guten Ton gehören. Wie nach einer langen Reise hat sie nun das Gefühl, bei der „Siegesgewissen“ „endlich nach Hause gekommen“ zu sein, emotional und sexuell: „Das süße Spiel von Locken und Abwehren, von Erregen und Hinauszögern, von Macht und Ohnmacht, von Wollen und Gewollt-Werden. Ein berauschendes Gefühl, allmählich in ihren Armen die Kon-trolle zu verlieren“. Val aber kommt und geht, taucht auf und taucht wieder ab. Nach langen Wochen, die sie sich aneinander entzünden, ist sie selbst nun die Verlassene, die Gedemütigte. Ironie der eigenen Geschichte. Die Dinge nehmen im letzten Kapitel („Ist es Liebe, wenn es wehtut?“) ihren vorgezeichneten Lauf: „Vielleicht, meine schöne Valerie, hast Du einfach nur Angst davor, dass Dir mal eine Frau zu nahe kommt und Du nicht mehr die Regie über Deine Gefühle hast. Natürlich kannst Du das umgehen, indem Du Dich von Verhält-nis zu Verhältnis schlägst. Oder indem Du schließlich für die Gunst der Frauen bezahlst, weil Du dann ganz sicher gehen kannst, dass keine unnötigen Gefühle dazwischen sind. Wenn Du wieder kommst, Val, will ich, dass Du bleibst.“

Über die Autorin:

Die Autorin, Jahrgang 1968, lebt als Sozialwissenschaftlerin in Norddeutschland und veröffentlicht mit diesem Roman erstmals eine ganz andere Sicht auf Lebensentwürfe und ihre gesellschaftliche Spiegelung.

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
Anzeige:
Anzeige: