Seit 2009 verleiht die Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW jährlich den Augspurg-Heymann-Preis für couragierte Lesben. Ziele sind und waren

  • zu mehr Sichtbarkeit von Lesben im öffentlichen Raum beizutragen
  • der Diskriminierung von Lesben, Schwulen und anderen Minderheiten entgegenzuwirken
  • lesbisch-lebenden Frauen vor allem in ländlichen Räumen Mut zu machen, ihre lesbische Identität frei und offen zu leben
  • insgesamt lesbische Identität als selbstverständliche Existenz vorzuleben.

Bislang erhalten haben den Preis Mirjam Müntefering, Maren Kroymann, Tanja Walther-Ahrens, Inge von Bönninghausen, Susanne Baer, Maria Beckermann und zuletzt 2015 Manuela Kay und Gudrun Fertig.

Anita AugspurgAnita AugspurgLida Gustava HeymannLida Gustava HeymannDie Namensgeberinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann sind Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts vehement für die Rechte von Frauen - u.a. für das allgemeine Wahlrecht - eingetreten. Sie waren in der internationalen Friedensbewegung engagiert, Verfolgte und Opfer des Nazi-Regimes, mussten Anfang der 1930er Jahre ins Schweizer Exil fliehen. In dieser ganzen Zeit haben sie offen ihre Liebesbeziehung und Frauenfreundschaft gelebt. In ihrer Biografie „Erlebtes – Erschautes“ dokumentieren sie auf eindrucksvolle Weise, wie ihre lebenslang währende tiefe Verbundenheit ihnen die Kraft für ihren Widerstand gegeben hat und mit dazu beigetragen hat, trotz vieler Schicksalsschläge engagiert für ihre Ziele weiter zu kämpfen. Es gibt also viele Gründe, diese beiden Frauen als Namensgeberinnen für den Preis für couragierte Lesben zu wählen.

Nun haben Dr. Christiane Leidinger aus Berlin und Lena Laps aus Bochum die Jury darauf aufmerksam gemacht, dass Heymann 1907 auf einer Veranstaltung des Verbandes Fortschrittlicher Frauenvereine in Frankfurt am Main ausführte: 

„Gesetze für die Vernichtung körperlicher und geistiger Krüppel müssen geschaffen werden. (…) In Hamburg besteht eine Anstalt für 200 Krüppel. Viele sind Fleischmassen, bei deren Anblick man sich geradezu entsetzt. Die Pflegerinnen von solchen Fleischmassen ohne Hände und Füße sind geistig völlig heruntergekommen. Ich ging mit gesundem Menschenverstand in die Anstalt, frug mich aber bald: Hier ein großes Haus und ein herrlicher Garten für denk- und fühllose Fleischmassen, draußen auf der Straße gesunde Arbeiterkinder ohne Pflege und ohne genügende Ernährung. Man darf sich nicht davor scheuen, Gesetze zu erlassen, um solche Fleischmassen aus der Welt zu schaffen.“

(Zitiert aus der Frankfurter Zeitung vom 27.9.1907, Nr. 268)

Wie kann es sein, dass eine Feministin, die sich nachweislich für Selbstbestimmungsrechte von Frauen einsetzte, in dieser Frage die universalen Menschenrechte außer Acht lies? 

Die LAG Lesben in NRW hat Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel um eine historische Einschätzung gebeten. In ihrem Gutachten kommt sie zu dem Ergebnis, dass radikale Frauenrechtlerinnen wie Heymann und Augspurg sich stärker auf sog. ‚positive‘ bevölkerungspolitische Maßnahmen beriefen als auf ‚negative‘, die auf eine Ausmerzung von Leben hinausliefen. So kommt die Forschung zu den bevölkerungspolitischen Positionen der radikalen Frauenbewegung bisher zu folgenden Ergebnissen: 

  1. Auch die Radikalen Frauenrechtlerinnen segregieren in ihren Argumentationen die Menschen in verschiedene Wertkategorien und formulieren eine Rassenhierarchie. Sie nahmen an, dass es ‚minderwertige‘ und ‚höherwertige‘ Rassen gibt, wobei letztere die weiße ist;
  2. Auch die Radikalen argumentieren mit der Ökonomie und stellen Menschen unter volkswirtschaftliche Kriterien der Gewinnmaximierung; 
  3. Allerdings zeichnete sich das spezifische ‚feministische Rassehygieneverständnis‘ durch ein Festhalten am Grundrecht ALLER Menschen auf individuelle Freiheit aus. Sie verstanden Rassenhygiene immer als freiwillige, eigenverantwortliche Fortpflanzungsauslese. 

Die Jury des Augspurg-Heymann-Preises und der Vorstand der LAG Lesben in NRW können diese Positionen nicht gutheißen, dennoch gehören auch sie zu den Biographien der Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann.

Nach heutigem Wissensstand haben sie sich jedoch nicht intensiv mit diesen Fragestellungen befasst, für das Heymann-Zitat gibt es keine Vertiefung der Ausführungen in ihren Schriften. Ganz sicherlich nicht sind sie Wegbereiterinnen der mörderischen „rassehygienischen“ oder „Euthanasie-Programme“ der Nationalsozialisten.

Nach reiflicher Überlegung wollen Jury und Vorstand den Preis für couragierte Lesben weiterhin nach Augspurg und Heymann benennen und zukünftig verstärkt auf die Ambivalenzen von Vorbildern eingehen, ihre Widersprüche im Denken und Handeln hinterfragen und ernstnehmen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW begrüßt es, wenn sich Historiker_innen weiterhin kritisch mit der ersten Frauenbewegung auseinandersetzen und will diese Kritik in die Preisverleihungen einfließen lassen, damit Lesben ermutigt werden, verantwortlich zu handeln und sich einzumischen.

Die Einschätzung von Dr. Kerstin Wolff ist auf der Webseite www.augspurg-heymann-preis.de eingestellt. Wir danken Dr. Christiane Leidinger und Lena Laps ausdrücklich dafür, dass sie uns auf die Ambivalenz unserer zwiespältigen Ahninnen hingewiesen haben.

 

 

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